
VON HELMUT HETZEL
Den Haag. Was haben sie gelästert und gespottet. "Wasserbombe" oder "schnittfestes Wasser" - das waren noch vor einigen Jahren die harmlosesten Ausdrücke, die unter vielen Deutschen kursierten, als es um die Beschreibung einer Tomate ging, die aus Holland kam. Holländische Treibhaus-Tomaten - nein danke, das war damals die Reaktion vieler Verbraucher zwischen Kiel und Konstanz, Aachen und Rügen. Doch jetzt sind die Deutschen wieder auf den Geschmack gekommen. Sie essen das süße Nachtschattengewächs, das in niederländischen Gewächshäusern gedeiht, wieder viel lieber als die in Spanien oder anderswo rund ums Mittelmeer gezüchteten Tomaten. Holland-Tomaten sind der neue Absatzrenner in der Bundesrepublik.
Die Tomate made in Holland erlebt ein grandioses Comeback in deutschen Küchen und bei deutschen Feinschmeckern. Nicht ohne Stolz meldet das niederländische Agrarbüro, "dass von allen Tomaten, die Deutschland im vergangenen Jahr importierte, mehr als die Hälfte aus den Niederlanden kamen." In nackten Zahlen: 358 Millionen Kilo Tomaten haben die Holländer 2009 nach Deutschland exportiert. "Wir decken damit rund 55 Prozent des Importmarktes für Tomaten in Deutschland und haben Spanien weit hinter uns gelassen. Denn aus Spanien wurden im vergangenen Jahr nur halb so viele Tomaten nach Deutschland exportiert wie aus den Niederlanden", stellt ein Sprecher des niederländischen Agrarbüros stolz fest. Damit wurde 2009 sogar das Export-Niveau aus der Zeit vor der "Wasserbomben-Krise" übertroffen.
Doch was ist der Grund für den neuerlichen Absatz- und Geschmackserfolg der Holland-Tomate in deutschen Landen? Antwort: Die Niederländer haben dazugelernt. Sie wissen wieder, was der Tomate guttut und wie sie umweltschonend angebaut werden kann, ihren ursprünglichen Geschmack behält und wieder ein echter "Paradeiser" wird, eine paradiesische Frucht eben, die den Gaumen entzücken kann. Aus der Wasserbombe wurde Tasty Tom.
Tasty-Tom-Tomaten oder andere neue niederländische Tomatensorten kann man nun nicht nur wieder selber essen, man kann sie auch wieder allen Gästen auftischen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, dass diese sich über die Geschmacklosigkeit der Holland-Tomate beklagen.
Ton Janssen, der Tomaten-Guru der Niederlande, wird richtig lyrisch, wenn er über die neuesten Errungenschaften in der holländischen Tomatenzucht referiert, insbesondere über die Tomate Tasty Tom: "Die hat einen doppelt so hohen Zuckergehalt wie beispielsweise eine große griechische Fleischtomate." Der Zuckergehalt einer Tomate wird übrigens wie bei Winzern, die den Zuckergehalt ihrer Trauben messen, mit Hilfe der Öchslewaage bestimmt. Eine niederländische Tasty-Tom-Tomate hat nach dieser Messung acht Öchslegrade. Eine griechische Fleischtomate bringt es durchschnittlich nur auf vier Öchslegrade. Das ist ein entscheidender Geschmacksunterschied.
Aber vielleicht hängt die neue Lust der Deutschen, holländische Tomaten wieder zu mögen und zu verzehren, auch damit zusammen, dass Niederländer in der Bundesrepublik momentan wieder in hohem Ansehen stehen. Denn nach den Showund TV-Stars Rudi Carrell und Linda de Mol sind es nun der Star-Trainer Louis van Gaal und die Fußballer Arjen Robben, Ruud van Nistelrooy oder Mark van Bommel, die in Deutschland für gute Laune sorgen. Da muss eine Tasty-Tom-Tomate aus Holland einem Fußballfan einfach gut schmecken, wenn Arjen Robben oder Ruud van Nistelrooy wieder ein Tor für einen deutschen Bundesligaverein geschossen haben.